Die ABS 38 unter Strom

In Zukunft sollen auf der ABS 38 umweltschonende Elektroloks fahren. Möglich macht das die Elektrifizierung der Strecke. Aber was steckt dahinter? Projektleiter Michael Haberl betreut diese zentrale Aufgabe in den Streckenabschnitten 2 – zwischen Ampfing und Tüßling – und 4 – zwischen Tüßling und Burghausen. Er gibt einen Einblick in die Arbeit seines Teams.

Neben der Zweigleisigkeit liegt bei der ABS 38 der Fokus auf der Elektrifizierung – eine zukunftsträchtige Aufgabe...

Michael Haberl (MH): Elektrifizierung ist die Zukunft, ganz klar. Dadurch wird beim Schienenausbau die ohnehin schon gute Umweltbilanz der Bahn im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern noch weiter gesteigert. Die Umstellung von Diesel- auf Elektroloks macht`s möglich. Diese sind deutlich umweltfreundlicher und fahren mit größtenteils grün produziertem Strom. Bis zu 30 Prozent weniger CO2 stoßen die Elektroloks im Vergleich zu Dieselloks aus.

Was genau verbirgt sich hinter der Elektrifizierung bei der ABS 38?

MH: Wir bauen die Strecke so um, dass Elektrozüge darauf fahren können. Den Strom für die Züge führen wir an Oberleitungen entlang der Strecke. Dafür errichten wir alle 50 bis 70 Meter Masten, an denen ein Kupferdraht gespannt wird. Die Züge verbinden sich dann über einen Bügel auf dem Zugdach mit dem Fahrdraht, der an der Oberleitung befestigt ist, um die nötige Fahrenergie zu gewinnen.

So nimmt der Zug den Strom vom Fahrdraht mit dem Bügel auf (Foto: DB Mediathek)

Woher kommt der Strom für die ABS 38?

MH: In Schwindegg steht ein Schaltwerk an der Bahnstromleitung Rosenheim–Landshut, welche die Bahnlinie ABS 38 kreuzt. Vom Schaltwerk wollen wir später den Strom abnehmen und ihn weiter ins Unterwerk nach Mühldorf, im Herzen der Strecke, führen. Von diesem Unterwerk aus fließt dann der Strom in die Oberleitungen entlang der Strecke und versorgt so die elektrischen Züge.

Die Bahn betreibt eigene Stromleitungen zur Versorgung der Züge?

MH: Genau, ein ganzes Stromnetz ist das sogar. Es erstreckt sich über ganz Deutschland und ist mit den Netzen aus Österreich und der Schweiz verbunden. Etwa 7.700 Kilometer ist das deutsche Bahnstromnetz lang. Würde man alle Leitungen aneinanderlegen, könnte man München mit Peking verbinden. Die Deutsche Bahn produziert den Strom sogar zu zwei Dritteln selbst. Ab 2038 soll der Strom nur aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. 2020 lag der Anteil grün produzierter Energie schon bei 60 Prozent. Allerdings betreiben wir in Zukunft nicht die gesamte Strecke der ABS 38 mit dem Strom aus den deutschen Bahnnetzen. Ab Surheim im Planungsabschnitt 3 kommt der Strom aus einem neuen Unterwerk in Surheim, dort kreuzt die Bahnstromleitung Traunstein nach Steindorf (ÖBB). Das Bahnstromnetz ist jetzt besonders wichtig, weil immer mehr Strecken elektrifiziert werden. Seit Dezember können zum Beispiel auch Elektroloks auf der Strecke von Geltendorf nach Lindau fahren. Daran habe ich mitgearbeitet, bevor ich 2019 zur ABS 38 gewechselt bin.

Elektrifizierung ist wohl Deine bevorzugte Disziplin?

MH: Es ist ein sehr interessantes Arbeitsfeld, in das ich mein fachliches Know-how gut einbringen kann. Ich wirke bereits seit 2013 bei Elektrifizierungsprojekten der Bahn mit. Bei der ABS 38 unterstützen mich dabei auch international erfahrene Spezialisten.

Wer gehört zum Expertenteam für die Elektrifizierung?

MH: Patrick hat in England Simulationen für die Strecke London–Edinburgh erstellt. Seine praktische Erfahrung ist bei uns besonders wichtig, da er mit den Berechnungen vertraut ist, die bestimmen, wie viel Energie an der Strecke gebraucht wird und wo sie in die Oberleitung eingespeist werden kann. Olesia kennt sich durch ihren doppelten Masterabschluss aus Deutschland und der Ukraine insbesondere mit elektrischen Energiesystemen und erneuerbaren Energiequellen vielfältig aus. Bauingenieurin Elcin hat wie ich auch schon bei der Strecke Geltendorf–Lindau gearbeitet. Jetzt unterstützt sie unser Team vor allem bei der Planung der Bauausführung und später bei der Bauüberwachung.

Projektleiter Michael (links) mit Olesia und Patrick im Bahnhof München

Nehmen wir doch mal ein wenig die Strecke unter die Lupe – was muss erledigt werden, bevor die Elektroloks anrollen?

MH: Elektrifizierung geht natürlich weit über das Errichten von Masten hinaus. In der Nähe von Burghausen ist zum Beispiel eine Brücke zu niedrig. Diese müssen wir erneuern, damit die Oberleitung darunter durchlaufen kann. Ein weiterer prägnanter Streckenpunkt ist der aktuell mit über 20 Promille sehr steile Piracher Berg bei Burgkirchen. Unser Ziel ist es, ihn so abzuflachen, dass die Elektroloks es schaffen, die Güterwagen problemlos ohne Zugteilung und Zeitverzug ins Chemiedreieck nach Burghausen fahren zu können. Außerdem planen wir auf der gesamten Ausbaustrecke den Berührschutz, damit niemand von Brücken an die Stromleitungen fassen kann. Vor allem aber müssen wir die Strecke erden, um die elektrischen Ströme in den Erdboden abzuleiten.

Kannst du das genauer erklären?

MH: Bei der Elektrifizierung entsteht zwischen der Oberleitung und dem Boden ein elektromagnetisches Feld. Ähnlich wie auch Stromleitungen in Gebäuden und Haushaltsgeräte wie etwa eine Mikrowelle elektromagnetische Felder erzeugen. Bevor wir bauen, erstellen die Kollegen der DB Systemtechnik detaillierte Gutachten zur elektromagnetischen Verträglichkeit von Mensch und Maschine. In Deutschland gelten für elektrische und magnetische Felder gesetzliche Grenzwerte. Diese halten wir nicht nur ein, sondern unterschreiten sie deutlich.

Wann können Elektrozüge auf der ABS 38 fahren?

MH: Wir arbeiten darauf hin, noch dieses und nächstes Jahr die Genehmigungsunterlagen für die Elektrifizierung der Streckenabschnitte 2 und 4 einzureichen. Sobald der Planfeststellungsbeschluss, also die Baugenehmigung, vorliegt, können wir Unternehmen mit dem Bau beauftragen. Ich freue mich schon, wenn es nach Plan zwischen 2025 und 2030 damit losgeht.

Weitere Informationen zur Energiewende bei der Deutschen Bahn gibt es auf der Website von DB Energie.

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